Um schnell auf den Kunden reagieren zu können und sich auf die kommenden Trends einzustellen, genügt es nicht, Teams in die Selbstverantwortung zu entlassen.

Wenn die Mitarbeiter diesen Schritt nicht mitgehen können oder die Abläufe in der Organisation nicht dazu passen, werden sich diese Teams verunsichert oder frustriert auf alte Verhaltensweisen zurückziehen. Damit ist dann nichts gewonnen.

Viele Veränderungsmaßnahmen versanden aufgrund von widersprüchlichen Botschaften. Ob nun die Entscheidungsprozesse nicht zu den Verantwortlichkeiten passen oder gute Ansätze an alten nicht korrigierten Regeln scheitern. Eine Umorientierung auf Selbstverantwortung und Agilität kann nur nachhaltig greifen, wenn sie auf drei Ebenen stattfinden.

Die individuelle Ebene

Mut zur Innovation muss scheitern, wenn die einzelne Person mit ihren Befürchtungen alleingelassen wird. Hier geht es um ein Entlernprozess, in dem alte Gewohnheiten und Regeln neu überdacht werden müssen. Da Gewohnheiten sehr stabil sind, geschieht dies nicht von allein. Selbstverantwortung bedeutet auch, mit Unsicherheiten umgehen zu können. Viele Mitarbeiter müssen diese Fähigkeit erst (neu) erlernen. Auf dieser Ebene geht es darum, allen Beteiligten zu helfen, einen passenden Mindset zu entwickeln. Das geht nicht durch Ansprachen oder agile Manifeste. In der Therapieforschung, die sich mit diesem Thema schon sehr viel länger beschäftigt, ist erwiesen, dass verbal vermittelte Überzeugungen die instabilsten sind. Stabile Überzeugungen entstehen durch Handeln und die Reaktion der Umwelt.

Die Teamebene

Wie wir in unserem Artikel zu den 6 Trends und Einsichten beschrieben haben, werden Entscheidungen künftig noch viel mehr im Team abgesprochen und gefällt. Dazu muss ein Team in der Regel neue Verhaltensmuster lernen. Das betrifft die Verteilung von Aufgaben, den Umgang mit Fehlern, das Nachverfolgen von Ideen und systematisches Problemlösen. Da sich die Aufgabe der Teams nicht mehr nur auf das Abarbeiten von Aufträgen beschränkt und auch die Führungskraft als letzte Instanz bei unterschiedlichen Ansichten nicht mehr zur Verfügung steht, ist ein deutlich höheres Maß an Konfliktfähigkeit erforderlich. Auf der Ebene des Teams sind die Kommunikationsmuster entscheidend. Wir brauchen hier neue Arten, Feedback zu geben, Konflikte zu thematisieren und zu bearbeiten. Kommunikationsmuster sind jedoch sehr stabil, weil sie oft stattfinden. Das bedeutet zum Beispiel, dass sich die Änderung der Kommunikation nicht nur auf die jeweils agilen Teams beschränken darf.

Die Organisationsebene

Agile Arbeitsweise und Selbstverantwortung benötigen auch neue Formen, wie mit Entscheidungen umgegangen wird. Das betrifft auch Supportsysteme, Berichtssysteme, Entscheidungskompetenzen und Eskalationswege. Zudem brauchen Teams auch andere Unterstützung. Regelwidersprüche sorgen sehr schnell dafür, dass die Mitarbeiter und Teams zu alten Verhaltensweisen zurückkehren.

Widersprüche zwischen diesen drei Ebenen tauchen dann in Form von Konflikten auf, die die einzelnen Personen nicht lösen können. Ein wichtiger Schritt ist also, die alten Regelwerke und Entscheidungswege ganz bewusst neu zu überdenken und an die neuen Anforderungen anzupassen.

Aus den genannten Überlegungen ergibt sich eine 3 × 3 Mindset Matrix in der jedes der neun Felder* gezielt behandelt werden muss. Dadurch werden die notwendigen nächsten Schritte sehr leicht deutlich. Und es ermöglicht das normalerweise „weiche“ Thema Einstellung und Kultur sehr gezielt zu thematisieren und damit zu bearbeiten.

In unserem Buch werden wir die einzelnen Zellen dieser Matrix mit praktischen Beispielen sehr unterschiedlicher Unternehmen füllen.

Ein Beispiel

Aus mehreren unserer Interviews kennen wir die Aussage, dass die Förderung von Selbstverantwortung ausschließlich am Engagement und den Fähigkeiten der direkten Führungskraft hängt, während es in der Organisation keine systematische Förderung von Selbstverantwortlichkeit gibt und gleichzeitig die Führungskräfte bei dem Thema „Verantwortung abgeben“ individuell alleingelassen werden. Dazu gibt es noch einen separaten Blogartikel.

Je ernster wir das Thema Selbstverantwortung nehmen, desto mehr müssen wir Einstellungen unterstützen und nicht mehr Methoden. Die soziale Neurowissenschaft macht uns große Hoffnung, dass dies gelingen kann. Die Chancen und Notwendigkeiten waren noch nie so klar. Wir müssen nur allen dabei helfen, es auch umzusetzen.