Im ersten Artikel zu unserem Buch haben wir 6 Trends und Einsichten aufgezeigt, die besonders relevant sind, für jeden einzelnen Menschen, für Teams und für Organisationen. Darin sprechen wir auch darüber, dass die Ergebnisse der (Sozialen) Neurowissenschaften klare Hinweise für die Gestaltung der besten (Arbeits-)welt geben.

In unserem zweiten Artikel haben wir darüber gesprochen, dass für das menschliche Gehirn Angstfreiheit / positive Emotion, Beziehung und Sinn grundlegende Bedingungen für ein optimales „Funktionieren“ und somit auch für einen positiven Zustand sind.

Angstfreiheit / positive Emotion, Sinn – OK. Aber warum Beziehung?

Ein wenig Forschung und Theorie sind an dieser Stelle notwendig. Dabei hat uns insbesondere die Arbeit von zwei Neurowissenschaftlern gezeigt, wie elementar wichtig Beziehung ist, damit Organisationen optimal funktionieren können (How Emotions Are Made, Lisa Feldman Barrett (2018); Social Neuroscience, Russell K. Schutt (2015)).

Menschen sind nicht genetisch programmiert, sich „sozial“ zu verhalten. Wir alle mussten dieses „Herdenverhalten“ lernen. Gleichzeitig waren wir als Spezies immer auf die Zusammenarbeit mit anderen angewiesen. Der kleine, schwache Homo Sapiens Sapiens alleine in der Savanne – ohne andere Homo Sapiens Sapiens – keine Chance. Aber eine Gruppe von Home Sapiens Sapiens, die miteinander kommunizieren können, ihre Emotionen und Absichten austauschen und ihr Verhalten darauf ausrichten können – keine Chance für Tiger, Löwen oder welche Jäger auch immer.

Also: wir mussten „sozial“ sein, um zu überleben. Die aktuelle Neuro-Evolutionsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass sich unser Gehirn in dieser Form und zu dieser Größe entwickelt hat, um genau diese Fähigkeit zu schaffen (wer mehr Details möchte, klickt hier). Wir brauchen die anderen Homo Sapiens Sapiens und das ist tief in unserem Gehirn verankert.

Der zweite Aspekt sind Emotionen. Emotionen stärken die Gruppenbindung. Für stabile Gruppen ist die Erweiterung des emotionalen Repertoires entscheidend, um die Stärke der sozialen Bindungen und den Zusammenhalt der Gruppe zu erhöhen. Wir brauchten mehr Emotionen, um zu überleben, was bedeutete, dass wir größere und vernetzte subkortikale Hirnareale brauchten. Das menschliche Gehirn wurde geformt, um soziale Bindungen zu unterstützen und die Gruppenfunktion zu verbessern. Heute machen soziale Bindungen uns gesünder und erhöhen die Lebenserwartung.

Somit ist unser Gehirn – vor allem – sozial. Es ist für Kommunikation gemacht. Seine Plastizität ermöglicht es, viel flexibler auf Gruppensituationen zu reagieren. Ein Gehirn, das sowohl sozial als auch plastisch ist, ist ein Gehirn, dessen Funktionieren nur in einem sozialen Kontext, in Beziehungen verstanden werden kann. Die menschliche „Sozialität“ ist somit tief in die Biologie des Gehirns und damit in die bewusste und unbewusste Funktionsweise unseres Geistes eingebettet. Anders ausgedrückt: damit das Gehirn optimal funktionieren kann, brauchen wir gute Beziehungen. Unsere Kognitionen existieren hauptsächlich, um soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten (und nicht andersherum!).

Weil unser Gehirn für Beziehung gemacht ist, dominieren Beziehungsstörungen oft fachliche Fragestellungen. Ein Phänomen, dass auf allen Hierarchiestufen zu beobachten ist. Aus unserer Erfahrung mit Führungsfeedback wissen wir auch, dass Beziehungsstörungen oder unklare Beziehungen mit der eigenen Führungskraft von den Mitarbeitern als sehr belastend empfunden werden.

Praktisch bedeutet dies, dass wir Einzelpersonen, Teams, Organisationen in Bezug auf Beziehungsaufbau und Beziehungspflege Raum geben sollten. Unsere Organisationen sollten auf die Bildung von Beziehungen ausgerichtet sein!

Damit unser aller Gehirne optimal funktionieren können – für Sinn, Denken, Freude und Leistung – müssen Situationen geschaffen werden, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass

  • sich stabile Beziehungen entwickeln können in denen dann auch kritische Themen angesprochen werden können und die Sicherheit besteht, inhaltliche Konflikte souverän zu bearbeiten,
  • positive Emotionen geweckt werden,
  • Menschen in der Lage sind, zu synchronisieren,
  • Bedürfnisse erfüllt werden können,
  • Menschen sich selbst zu überprüfen können und
  • die Aktivierung von Abwehrmechanismen vermieden wird.

Details

Affen (monkeys) haben die Menschenaffen (apes) von den Savannen die Hochlagen in den Wald getrieben (vor 23 Mio. Jahren). In den Hochlagen gab es nicht genug Nahrung, Platz für die dauerhafte Unterstützung von Gruppen, und die Evolution nahm die Bioprogrammierung auf „soziales Verhalten“ weg.

Es muss einen starken Selektionsdruck für eine solche radikale Veränderung gegeben haben, aber es ist einer, der schließlich zum Aussterben der meisten Affen in den letzten 10.000 Jahren und aller Savannen-Affen mit Ausnahme eines Menschen führte.

Evolutionsbiologie und Neurobiologie verweisen auf die menschliche Sozialität als Schlüssel zu unserem Überleben als „Stärkste“ und auf die Evolution unseres Gehirns als Grundlage unserer einzigartigen sozialen Fähigkeiten.

Die menschliche Sozialität ist somit tief in die Biologie des Gehirns und damit in die bewusste und unbewusste Funktionsweise unseres Geistes eingebettet.